Der alte Westbahnhof und sein Abdrücksignal

Zu Arnold L. Hinweis, dass das mechanische Abdrücksignal demnächst am Westbahnhof aufgestellt werden soll, folgender Blogbeitrag:

Den Westbahnhof gab`s für 4.000 Spielmark beim klassischen Monopoly und bis 1994 auch noch bei der Deutschen Bundesbahn, die ihn dereinst von der ursprünglichen Deutschen Reichsbahn erbte, die ihrerseits die private Braunschweigischen Landesbahn (BLE) aus kriegsstrategischen Gründen in Staatsregie übernommen hatte.

Bahnhof Braunschweig - West

Historische Aufnahme um 1926. Lok 31, eine D h2t *) von Henschel, ist im Westbahnhof, vormals Wilhelmitorbahnhof, entgleist und wird vom örtlichen Personal inspiziert. Den Ausläufer des schon damals vorhandenen Ablaufberges - Eisenbahnerjargon: „Eselsrücken“- erkennt man ganz rechts im Bild.

 

Die Reproduktion konnte ich der Publikation „Rechts und links der Braunschweigischen Landeseisenbahn“ entnehmen, die die BLE zur Anwerbung von Fahrgästen auf ihren im Personenverkehr bedienten Strecken Anfang der 30ger Jahre des 20sten Jahrhunderts bei Vieweg & Sohn in Auftrag gegeben hatte. Der Westbahnhof dienste damals auch noch als Personenbahnhof.

 

Noch 1989 wurden die im Umfeld des Westbahnhofes ansässigen Betriebe von der DB als Kunden betreut. Man stellte einzelne Güterwagen im Rahmen des damals noch umfangreichen Einzelwagenladungsverkehrs zu und holte sie dann auch wieder ab, wofür die DB zuletzt Dieselloks der Baureihen V 60 (BR 360) und Köf III (BR 331-335) des Bw Braunschweig 1 zum Einsatz brachte. Service am Kunden von damals. Fragt mal Frau Dr. Evelyn Nikutta , ob ihr der Begriff „Einzelwagenladungsverkehr“ aktuell noch geläufig ist.

 

Also begab ich mich im Juni 1989 zum Westbahnhof, um die sich auch dort dem Ende neigenden Aktivitäten der DB analog auf das damals noch gebräuchliche Zelluloid (24 x 36 mm Kleinbildfilm) zu bannen.

261 424-6 mit ihrem aus 14 Wagen unterschiedlicher Gattungen bestehenden Übergabezug

261 424-6 mit ihrem aus 14 Wagen unterschiedlicher Gattungen bestehenden Übergabezug auf Gleis 1 im Westbahnhof. Damals wurde die V 60 im Nummernschema der DB noch nicht als Kleinlok geführt. Im Hintergrund erkennt man die inzwischen „zurückgebaute“ Fußgängerbrücke.

Der Ablaufberg, „Eselsrücken“ mit seinem Abdrücksignal präsentiert sich am rechten Bildrand. Gegenüberliegend die heutige Event Location „Westand“.

Der Ablaufberg, „Eselsrücken“ mit seinem Abdrücksignal präsentiert sich am rechten Bildrand. Gegenüberliegend die heutige Event Location „Westand“. Im Hintergrund die Brücke der Münchenstraße.

 

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der Nordbahnhof zu Zeiten der BLE immerhin 13 Gleisanschlüsse zählte, die zum Teil über eine Waggondrehscheibe bedient wurden. Was heute völlig undenkbar ist, war damals noch übliche Praxis. 1970 waren immerhin noch 5 Gleisanschlüsse sowie die Gleise 1-12 vorhanden.

Überreste einer der beiden Waggondrehscheiben

Hier gut zu erkennen, die Überreste einer der beiden Waggondrehscheiben. Wie ersichtlich, war Muskelkraft gefragt. Vorn sieht man noch das Aufnahmeauge für den Ansetzhebel, der dort hineingesteckt wurde und gegen den sich das Personal stemmen mussten, wenn es die Drehscheibe in Bewegung setzen wollte.

Der Ablaufberg mit seinem Abdrücksignal in Stellung Ra 8

Der Ablaufberg mit seinem Abdrücksignal in Stellung Ra 8, mit der Bedeutung: „Mäßig schnell abdrücken“. Der Westbahnhof und seine recht umfangreichen Gleisanlagen waren u.a. Ausgangspunkt für die Nahgüterzüge in Richtung Thiede, Hoheweg mit Abzweig nach Wolfenbüttel, Barum, Salder und Derneburg. Deshalb machte hier ein Ablaufberg zur Reduzierung umfangreicher Rangierbewegungen durchaus Sinn.

Anhand dieser Aufnahme lässt sich der authentische Standort des damaligen Abdrücksignals gut rekonstruieren

Anhand dieser Aufnahme lässt sich der authentische Standort des damaligen Abdrücksignals gut rekonstruieren. Es ragte nämlich links vom Abdrückgleis auf dem Scheitelpunkt des Ablaufberges direkt gegenüber dem Giebel des heutigen „Westands“ empor. Vom historischen Industriegemäuer ist allerdings nur der Stufengiebel übrig geblieben. Der dahinter errichtete Neubauklotz sticht durch die Anmut eines Styroporwürfels hervor, der mit den Überresten der historischen Bausubstanz leider keine Symbiose eingehen will.

 

Immerhin: Anfang April 2022 konnte man sich im „Westand“ an einem Konzert der Dire Straits Tribute Band erfreuen. Der gelungene erste öffentliche Auftritt einer Life-Band nach 2-jähriger Corona Pause, bei der eingängiger rhythmischer Beat noch handwerklich ohne Synthesizer dargeboten wurde. Der schottische Musiker Mark Knopfler hätte sicher seine Freude daran gehabt.

 

In seiner Stellungnahme vom 22 März 2022 beklagt Arnold zu Recht, dass das Fundament des Abdrücksignals, das im historischen Umfeld wieder aufgestellt werden soll, an der falschen Seite des immer noch vorhandenen Ablaufberges gesetzt wurde und er hat Recht, wenn er sagt, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht ist.

 

Asche auf mein Haupt. Glaubt es oder glaubt es nicht: Das eine originale Abdrücksignal des Westbahnhofes wurde mir damals vom Dienststellenleiter des Fernmeldemeisterei Braunschweig, die ihren Sitz im Dienstgebäude West hoch oben auf dem Rbf an der Ackerstraße hatte, geschenkt!

 

Am Fuß des Gittermastes befand sich eine Kurbel, unter deren Zuhilfenahme man sämtliche Signalbilder (Ra 6 bis Ra 8, siehe Ende dieses Beitrages) einstellen konnte. Damals noch in gutem Glauben, dass sich ehrenamtliche Tätigkeit in Klein Mahner jemals auszahlen würde, ließ ich es funktionsfähig am Bahnsteig 1 im Bahnhof Klein Mahner aufstellen. Zwar im Umfeld genutzter Gleise, doch zugegebener Maßen an dieser Stelle ohne jeden bahnbetrieblichen Bezug, wie so manche Dinge, die heutzutage dort stattfinden.

Westbahnhof Braunschweig Abdrücksignal und Westandgiebel

Die hier noch zu sehenden Gleisanlagen nebst Schutzplanken sind allesamt verschwunden. Die heutige, den gummibereiften Fahrzeugen vorbehaltene Straße, trägt nach wie vor den Namen Westbahnhof. Über den damaligen Ablaufberg erstreckt sich heute das „Ringgleis“, das sich inzwischen als Rad- und Wanderweg rund um Braunschweig fest etabliert hat.

Übergabegüterzug Üb 16843 am Westbahnhof Braunschweig

Der Kreis schließt sich. Diese Perspektive auf die ehemaligen Gleisanlagen des Westbahnhofes entspricht in etwa der historischen Aufnahme von 1926 zu Anfang des Beitrages.

Der abfahrbereite Übergabegüterzug Üb 16843 trägt schon seinen Zugschluss (Zg 2) und wird gleich mit Hilfe der 262 424-6 von Gleis 1 über den BÜ-Posten 11 (Hugo-Luther-Str.) durch die Gartenvereine Hermannshöhe und Klosterkamp hindurch über Abzweig Gabelung, Alte Frankfurter Straße (A 391) sowie die „Echobrücke“ im Kennel bis in eines der damals noch 16 Eingangsgleise im Rangierbezirk Ablaufberg des Bahnhofs Braunschweig Rbf überführt.

Kartenausschnitt aus einem Plan des Vermessungsamtes der Stadt Braunschweig von 1960, den ich dem Buch „Hauptbahnhof Braunschweig 1960“ entnommen habe. Der größte Teil der im Planausschnitt dargestellten Gleisanlagen existiert heute nicht mehr. Die gelb unterlegten Gleise des alten Braunschweiger Hauptbahnhofes gehören bereits seit über 60 Jahren zur Eisenbahngeschichte.

Nachlese:

261 637-3 vom Bw Braunschweig 1, vormals Bw Braunschweig Vbf, jetzt DB Regio, auf Gleis 1 nebst vier zur späteren Zerlegung im AW auf Gleis 2 abgestellter „Neubauloks“ der BR 23 im Bahnhof Braunschweig West

261 637-3 vom Bw Braunschweig 1, vormals Bw Braunschweig Vbf, jetzt DB Regio, auf Gleis 1 nebst vier zur späteren Zerlegung im AW auf Gleis 2 abgestellter „Neubauloks“ der BR 23 im Bahnhof Braunschweig West. Im Hintergrund das Signal Ne 5 (Haltetafel) und dahinter die Wohnblocks der Hugo-Luther-Straße. Auf den Bahnanlagen rund um Braunschweig wurden gegen Ende der 70ger Jahre zahlreiche Loks abgestellt, weil im Umfeld der für die Zerlegung der Maschinen zuständigen damaligen Werkabteilung Braunschweig (Vormals Bundesbahn Ausbesserungswerk) angesichts der großen Anzahl ausgemusterter Dampfrösser die Gleise knapp wurden.

Das Abdrücksignal Ra 6 bis Ra 8 und seine Bedeutung

*) Die Bauartbezeichnung D h2t bedeutet: D = 4 gekuppelte Treibachsen, h = Heißdampflok, 2 = 2 Zylinder, t = Tenderlok

 

Hans-Dieter Lewandowski

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Kommentare: 4
  • #1

    Tobias Hartmann (Dienstag, 05 April 2022 17:47)

    Sehr, sehr schöner Artikel bzw. Zeitreise. Große Klasse

  • #2

    Uwe Heise (Mittwoch, 06 April 2022 08:55)

    Schöner Bericht, ich kann mich noch daran erinnern das wir beim Aufstellen eines Schaltschranks vor dem Stw eine Wasserleitung beschädigt haben. Das ist schon lange her.

  • #3

    A.L. (Freitag, 06 Mai 2022 15:16)

    Das Signal steht seit gestern oder heute wieder,
    - falsche Seite vom Berg, vgl oben,
    - Mechanik wurde nicht gängig gemacht, sondern noch zusätzich mit Farbe verklebt

    Direktlink zu Bild
    https://abload.de/img/abdruecksignal_westba2uk49.jpg

    Die Eisbude "Coney Eisland" Westbahnhof, Ecke Büchnerstraße ist emfehlenswert. Öffnungzeiten glaube 11-19.00 Uhr und bei gutem Wetter am Wochenende lange Schlangen davor.

    In Klein Mahner war ich gestern mal, die "37" ist freigeschnitten wurden, der alte VPS-Diesel daneben auch

    Gruß, Arnold

  • #4

    A.L. (Samstag, 07 Mai 2022 08:32)

    Wie Dieter schrieb, finde ich authentische Rekonstruktionen von Betriebsanlagen und -mitteln eigentlich sehr gut, bin auch bereit Kompromisse einzugehen.
    Dass das Abdrücksignal nun zwischen dem ehemaligen Streckengleis und de Bergleis steht ist vielleicht gerade so vertretbar. Nur wenige werden es noch wissen oder die Bilder vergleichen. Das zukleistern den Seilzuges mit Farbe und die Unbeweglichkeit der Mechanik hätten wir bei der Rekonstruktion ganz bestimmt nicht zugelassen. So schräg, wie der Balken jetzt da steht und kaum ein eindeutiges Signal zwischen Ra7 und Ra8 zeigt, sieht das auch irgendwie wie gewolt und nicht gekonnt aus.

    Ich hätte alles gangbar für Vorführungen gemacht und eine Sperre mit Schloss oder Schraube angebracht, damit niemand damit rumspielt und sich ggf am offenen Seil an der Rolle unten verletzt. Als Höhepunkt hätte ich noch eine Nachtbeleuchtung mit LED installiert, die Lampenhalter sind ja offenbar noch dran.

    Bei dem Vorsignal auf dem Kenneldamm habe die nun im März jedenfalls den Bock abgeschossen, ca 30m vorm Hauptsignal A, es stand zuerst sogar um 180 Grad verdreht. Ursprungsstandort war nachweisbar hunderte Meter vor dem Hauptsignal B beim heutigen "Dekadestein" Nummer 1928, hier links ist Nummer 1938 zu sehen.
    https://abload.de/img/vrsig_kennel_dammijki7.jpg

    Was andere Ausstattungsgegenstände des Ringgleises betrifft hat an auch den einen oder anderen Fehler begangen, so hat man an einem Panther-Klapprad am Nordbahnhof-Info-Container den Lenker einseitig abgesägt und die Felgen zum Festschrauben durchbohrt statt einfach das Ventilloch zu nutzen. An den Ringgleisstelen neben Überquerung der Hamburge Straße waren zuerst die Stadtplanausschnitte vertauscht.
    Die Fußgängerbrücke aus etwa den 1960ern am Nordbahnhof wollen die Ringgleisfreunde vehement erhalten, die sichtbaren Überreste des ehemaligen BLE-Betriebswerkes am Gotenweg wurden völlig unkommentiert in den vergangenen Wochen abgerissen. Zugegeben, eine kulturelle oder museale Nutzung der Restgebäude bzw. -mauern des Halbrundschuppens wäre wohl schwierig geworden.

    Genug gelästert, lasst Euch da Eis beim nächsten Besuch am Westbahhof schmecken! Schaut Euch auch das Kontorhaus am Jödebrunnen an (direkt am Westand vorbei den Pipenweg hoch gehen), oder die Kletteranlage, die abgebildete Waggondrehscheibe findet Ihr nun in neuer Grube an der Fußgängerbrücke bei der Blumenstraße. Alles in allem lässt sich das frühere Bahngelände und einzelne markante Gebäude wie die halbrunde "Fliegerhalle" zwar noch ausmachen, sieht aber völlig verändert aus.

    Gruß, Arnold